
Wer im Rhein-Main-Gebiet Architektur der Nachkriegsmoderne schätzt, kennt die Debatten um Erhalt und Sanierung – ob in Frankfurt, Wiesbaden oder Mainz. Ein besonders markantes Beispiel dafür steht jedoch einige Bahnstationen weiter: die Opernterrassen am Offenbachplatz in Köln, ein denkmalgeschützter Gastronomie-Pavillon aus dem Jahr 1957. Er erzählt von Aufbruch, Kulturpolitik – und davon, wie kompliziert Sanierung werden kann.
Ein typischer Pavillon der 50er Jahre
Auf den ersten Blick wirkt das Gebäude an der Brüderstraße 2–4 eher zurückhaltend, beinahe unscheinbar. Genau das hat den Opernterrassen jahrzehntelang ein merkwürdiges Doppelleben beschert: tagsüber unterschätzt, abends ein Ort voller Betrieb. Fachleute hingegen sprechen von einem „typischen Gastronomie-Pavillon der 50er Jahre“ – geprägt von großen Glasflächen und einem Terrassenvorbau.
Entworfen wurde der zweigeschossige Bau 1957 vom Architekten Wilhelm Riphahn, der in Köln ganze Ensembles prägte. Die Opernterrassen gehören als eigenständiger Baustein zum kulturellen Dreiklang aus Opernhaus, Schauspielhaus und Nebengebäuden rund um den Offenbachplatz. Riphahn setzte auf Materialien und Formen, die in jener Zeit Modernität signalisieren sollten: keramikverkleidete Fassaden, ein klarer Baukörper, dazu eine verglaste Seite zum Platz hin.
Vier Säle, ein Atrium, eine Dachterrasse
Im Inneren war das Haus für Gesellschaften und Kulturpublikum gedacht: vier Säle über zwei Etagen, verbunden durch eine atriumartige Öffnung, und darüber eine Dachterrasse, die dem Namen „Opernterrassen“ alle Ehre machte. Auf der Seite zum Offenbachplatz gab es zudem eine Passage zum Opernfoyer – ein baulicher Übergang, der das gastronomische Angebot mit dem Kulturbetrieb verzahnen sollte.
Solche funktionalen und zugleich repräsentativen Übergangsorte kennt man auch im Rhein-Main-Gebiet: In Frankfurt etwa wurde rund um Kulturinstitutionen immer wieder darüber gestritten, wie Architektur Publikum anzieht – oder abschreckt. Die Opernterrassen zeigen, dass dieses Thema nicht neu ist.
Denkmalschutz: Auch gegen das Übersehenwerden
Seit dem 19. Mai 1989 steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Begründet wird das vor allem mit seinem Wert als wichtiges Zeugnis der Kölner Architektur der 1950er Jahre. Dennoch blieb die öffentliche Wahrnehmung lange ambivalent. Wer an dem Gebäude vorbeiging, sah mitunter nur eine schlichte Fassade. Gerade darin aber liegt der Charakter vieler Nachkriegsbauten: nicht monumental, sondern funktional – und im Detail oft raffinierter als der schnelle Blick vermuten lässt.
Die Nutzung wechselte mehrfach: Erst Café und Restaurant, darunter bekannte Namen wie Café Kranzler (Kempinski) und später Mövenpick, danach bis 2012 vor allem ein Fest- und Tanzlokal. Damit wurde das Haus zu einem Stück Alltagsgeschichte, wie man sie aus vielen Städten kennt: Ein Gebäude ist nicht nur Architektur, sondern auch Erinnerungsspeicher.
Sanierung mit Hindernissen
Mit dem großen Sanierungsprojekt rund um das Opernquartier kam der nächste Einschnitt. Die damaligen Pächter sollten Anfang 2012 ausziehen – auch, weil die Stadt Köln die Bauarbeiten ab dem Sommer starten wollte. Doch es kam zum Konflikt, die Stadt reichte eine Räumungsklage ein. Geplant war eine Sanierungszeit von drei Jahren. Danach sollten die Opernterrassen unter anderem Vorverkaufskassen, das Kleine Haus des Schauspiels und wieder Gastronomie beherbergen.
Tatsächlich aber entwickelte sich die Sanierung des gesamten Areals deutlich komplexer. Für die Opernterrassen bedeutete das: Bis auf die südliche und östliche Außenmauer wurde das Gebäude für die Arbeiten niedergelegt. Die Passage zur Oper wurde abgebrochen und durch ein auskragendes Dach ersetzt – eine Lösung, die funktional begründet ist, zugleich aber Fragen nach der historischen Authentizität aufwirft.
Das „Kleine Haus“ spielt – trotz Provisorium
Ein Stück Kultur kehrte dennoch zurück: Seit September 2016 nutzt das Schauspiel Köln das neue Kleine Haus als „Außenspielstätte am Offenbachplatz“. Noch nicht vollständig eingerichtet, wurde es auf Initiative des damaligen Intendanten Stefan Bachmann provisorisch in Betrieb genommen, um den Platz zumindest wieder kulturell zu beleben.
Für Leserinnen und Leser im Rhein-Main-Gebiet ist das mehr als eine Kölner Lokalgeschichte: Auch hier gibt es Debatten um Bauzeiten, Kosten, Denkmalschutz und die Frage, wie moderne Stadtidentität entsteht. Die Opernterrassen zeigen beispielhaft, dass Architekturgeschichte nicht im Museum stattfindet – sondern mitten im Alltag, mit all seinen Konflikten.
Ein Gebäude als Symbol
Heute stehen die Opernterrassen an einem spannenden Punkt: als Denkmal der 50er Jahre, als Teil eines Kulturquartiers und als Mahnung, wie anfällig große Sanierungsprojekte sind. Zugleich bleibt die ursprüngliche Idee sichtbar: ein Ort, an dem sich Kultur und Öffentlichkeit begegnen – in Sälen, auf Terrassen, im Übergang zwischen Opernabend und Stadtleben.
Bild: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0
