
Von außen sieht es aus wie ein Neuanfang: ein grauer Wintermorgen, ein Bahnhof in einer deutschen Mittelstadt, ein Mann mit einem Rucksack, der zu groß für seine Schultern wirkt. Doch Samir (Name geändert), 27, sitzt nicht hier und denkt an Hoffnung. Er denkt an Verlust. Und an ein Ziel, das nicht Deutschland heißt.
„Ich will hier nicht sein“, sagt er leise. Nicht trotzig, nicht wütend – eher so, als hätte er den Satz schon hundertmal gedacht, bevor er ihn aussprach.
Ein Ort, der Sicherheit bietet – aber kein Zuhause ist
Samir ist vor acht Monaten in Deutschland angekommen. Sein Asylverfahren läuft. Er hat ein Bett in einer Gemeinschaftsunterkunft, Sprachkursangebote, einen Sozialarbeiter, der ihm Termine ausdruckt und erklärt, welche Formulare wichtig sind.
Doch Samir fühlt sich wie jemand, der versehentlich am falschen Bahnhof ausgestiegen ist.
„Ich bin dankbar, dass ich nicht mehr jeden Abend Angst haben muss“, sagt er. „Aber ich bin nicht hier, weil ich hier sein will. Ich bin hier, weil ich musste.“
Wenn er von „müssen“ spricht, meint er das Schicksal der Flucht: Entscheidungen, die keine sind.
Die Flucht, die nicht geplant war
Samir stammt aus einer Stadt, die auf vielen Landkarten inzwischen nur noch als Konfliktzone markiert ist. Seine Familie lebte dort seit Generationen. Er studierte Ingenieurwesen, arbeitete nebenbei in einer Werkstatt, sparte für eine Zukunft, die irgendwann ganz normal sein sollte.
Dann kam die Nacht, in der diese Zukunft endete.
Er erzählt nicht jedes Detail. Manche Sätze bleiben stecken, als würden sie im Hals festfrieren. Aber er sagt genug, um zu verstehen: Bomben, Bedrohungen, ein Freund, der verschwand. Ein Bruder, der nicht zurückkam.
„Ich dachte, ich fahre für ein paar Wochen weg“, sagt er. „Ich dachte, ich warte, bis es ruhiger wird.“
Doch ruhiger wurde es nicht. Aus Wochen wurden Monate. Aus Koffern wurden Rucksäcke. Und aus einem Plan wurde ein Strom aus Entscheidungen, die immer nur nach vorn gingen – weil zurück keine Option mehr war.
Deutschland als Zwischenstation
Samir wollte nie nach Deutschland. Sein Ziel war ein anderes Land – eines, in dem er Verwandte hat, in dem er schon als Kind einmal im Urlaub war, in dem er sich vorstellen konnte, ein Leben aufzubauen.
„Ich hatte eine Adresse“, sagt er. „Ich hatte Menschen, die auf mich warten.“
Aber an der Grenze, bei der Registrierung, in der Logik der europäischen Systeme, wurde aus seinem Weg ein festgelegter Kurs.
„Man sagt mir: Du bist hier registriert, du bleibst hier“, erzählt er. „Es ist, als ob mein Leben zu einem Aktenzeichen geworden ist.“
Wenn er von Deutschland spricht, fällt kein Hass. Eher eine Art Müdigkeit.
„Deutschland ist korrekt“, sagt er. „Alles hat Regeln. Alles ist organisiert. Aber ich fühle mich hier wie ein Gast, der nie eingeladen wurde.“
Die neue Sprache, die alten Gedanken
Samir besucht manchmal den Sprachkurs. Manchmal bleibt er in der Unterkunft, starrt aufs Handy, scrollt durch Nachrichten aus seiner Heimat. Oft sind es nur Bruchstücke: ein Foto, ein Satz, ein Video, das irgendwo aufgenommen wurde, wo früher sein Alltag war.
„Wenn ich Deutsch lerne, ist das wie ein Vertrag“, sagt er. „Als ob ich unterschreibe, dass ich bleibe.“
Er lebt in einem ständigen Widerspruch: Die Schritte, die Integration bedeuten, fühlen sich für ihn an wie Abschied von dem Leben, das er eigentlich zurückhaben will.
Die Menschen in der Unterkunft sagen ihm: Sei froh, du bist in Sicherheit. Manche Helfer sagen: Deutschland ist eine Chance.
Samir nickt dann. Aber in ihm bleibt ein Satz: Ich will hier nicht sein.
Die unsichtbare Seite der Flucht
In der öffentlichen Debatte erscheinen Geflüchtete oft entweder als Symbol für Hoffnung oder als Projektionsfläche für Angst. Samir ist keines von beidem. Er ist ein Mensch, der überlebt hat – und der trotzdem nicht dort gelandet ist, wo er sein Leben fortsetzen wollte.
„Viele denken, wir kommen, weil wir Deutschland wollen“, sagt er. „Aber manchmal kommt man nur, weil man irgendwo hin muss.“
Er erzählt von anderen, die ebenfalls nicht dort sind, wo sie sein wollten: Menschen, die nach Schweden wollten und in Italien landeten. Menschen, die zu Familien nach Frankreich wollten und in Deutschland warten. Menschen, die an jeder Station ein Stück mehr von sich verloren haben.
„Die Flucht nimmt dir nicht nur dein Zuhause“, sagt Samir. „Sie nimmt dir auch das Recht, selbst zu entscheiden, wo dein neues Leben beginnt.“
Ein Hoffnungsschimmer – oder ein weiterer Abschied
Manchmal, sagt Samir, träumt er von einem ganz normalen Tag. Ein kleiner Job. Eine Wohnung, die nicht nach fremdem Flur riecht. Ein Gespräch, in dem er nicht erklären muss, warum er hier ist.
Und manchmal gibt es Momente, in denen er denkt: Vielleicht kann man auch am falschen Ort Wurzeln schlagen.
Dann folgt ein langes Schweigen.
„Aber wenn ich ehrlich bin“, sagt er schließlich, „ich will nicht lernen, wie man hier lebt. Ich will zurück zu dem, was ich verloren habe. Oder wenigstens dahin, wo mich jemand erwartet.“
Er weiß, dass beides vielleicht nicht passiert. Dass das Verfahren Monate, Jahre dauern kann. Dass Regeln stärker sind als Wünsche. Dass sein Leben gerade nicht ihm gehört.
Und doch bleibt er bei seinem Satz, als wäre er das Einzige, das noch unverhandelbar ist:
„Ich will hier nicht sein.“

