
Wenn die Welt in diesen Tagen nach einem Oberbegriff sucht, der die Gegenwart einfängt, dann drängt sich ein Ausdruck immer wieder auf: „Zwischen Krieg und Frieden“. Es ist die Formel einer Zeit, in der Konflikte nicht nur an Grenzen, sondern auch in Köpfen und Systemen stattfinden – und in der die Hoffnung dennoch nicht verschwunden ist. Das Jahr 2026 beginnt als ein Jahr der Übergänge: zwischen Waffenstillstand und Eskalation, zwischen diplomatischer Annäherung und blockierter Verständigung, zwischen Erschöpfung und neuer Aufrüstung.
Konflikte, die nicht enden – und doch ihre Form verändern
Im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts hat sich Krieg verändert. Er ist längst nicht mehr nur eine Frontlinie, sondern ein Zustand, der sich über Monate und Jahre ausdehnt. In vielen Regionen sind die klassischen Bilder – Panzerkolonnen, Schützengräben, zerstörte Städte – weiterhin Realität. Gleichzeitig wächst der Anteil jener Auseinandersetzungen, die schwerer zu greifen sind: Cyberangriffe, Sabotage, Desinformation, wirtschaftlicher Druck und der Kampf um technologische Vorherrschaft.
Was diese Konflikte eint: Sie schaffen eine Welt, in der das Wort „Frieden“ nicht mehr selbstverständlich als Ziel gilt, sondern oft als fragiler Zustand, der ständig verteidigt oder neu verhandelt werden muss.
Doch wer genau hinsieht, erkennt auch eine andere Entwicklung: Die Art, wie Kriege geführt werden, trifft zunehmend auf Grenzen – nicht nur militärische, sondern gesellschaftliche und ökonomische. Die Bevölkerung vieler Länder ist kriegsmüde. Ressourcen werden knapp. Internationale Lieferketten, Energieversorgung und Nahrungsmittelsicherheit sind nicht mehr rein wirtschaftliche Fragen, sondern Sicherheitsfragen.
Europa zwischen Schutz und Selbstbehauptung
Europa erlebt im Jahr 2026 eine doppelte Realität: Einerseits ist es längst wieder ein Kontinent, der sich nicht mehr ausschließlich über Wohlstand definiert, sondern über Widerstandsfähigkeit. Sicherheitspolitik hat einen Stellenwert erreicht, wie ihn viele seit Jahrzehnten nicht kannten.
Andererseits bleibt Europa ein Projekt, das von innen heraus getestet wird: politische Lagerbildung, die Frage nach militärischer Verantwortung, die Spannungen zwischen nationalen Interessen und gemeinsamer Linie.
Die große Herausforderung: Wie verteidigt man Frieden, ohne ihn zu militarisieren? Wie schafft man Abschreckung, ohne den Blick für Dialog zu verlieren? Diese Fragen ziehen sich durch Parlamente, Talkshows und Haushaltsdebatten – und sie sind längst Teil eines Alltags geworden, der früher unvorstellbar schien.
Diplomatie im Schatten des Misstrauens
Der Begriff „Frieden“ klingt oft nach großem Vertrag, nach historischer Unterschrift, nach jubelnden Menschenmengen. Doch Frieden im Jahr 2026 zeigt sich meist weniger spektakulär: in kleinen, mühseligen Kanälen, in Vermittlungen, in stillen Gesprächen und „Backdoor-Deals“. Diplomatie ist wieder wichtiger geworden – aber auch schwieriger.
Denn das Grundproblem lautet: Misstrauen. In einer Welt, in der Informationen manipuliert, Satellitenbilder angezweifelt und internationale Organisationen politisiert werden, verliert die Diplomatie ihre wichtigste Währung: Glaubwürdigkeit.
Dennoch: Gerade weil Misstrauen die dominante Stimmung ist, gewinnen jene Formate an Bedeutung, die jenseits offizieller Gipfel stattfinden – Wissenschaftsdiplomatie, Städtepartnerschaften, zivilgesellschaftliche Initiativen, humanitäre Netzwerke. Sie wirken selten wie „Weltpolitik“, aber sie verhindern oft, dass Konflikte vollständig entgleisen.
Die neue Front: Gesellschaft und Wahrheit
Ein zentrales Kennzeichen dieses Jahres ist, dass Krieg und Frieden nicht mehr nur außenpolitische Kategorien sind. Sie sind innenpolitisch geworden.
Gesellschaften ringen um gemeinsame Wirklichkeit. Was ist Wahrheit? Was Propaganda? Was Faktenlage, was gezielte Emotion? In vielen Ländern gibt es nicht mehr „die“ öffentliche Meinung, sondern parallele Informationswelten – und wer diese kontrolliert, kontrolliert Macht.
Die größte Gefahr ist dabei nicht nur Spaltung, sondern Verrohung: Wenn Gewalt und Krisen zum Dauerzustand werden, wird auch Sprache härter, Empathie knapper, Kompromissbereitschaft geringer. Frieden scheitert selten nur an Waffen – er scheitert oft an Menschen, die nicht mehr glauben, dass Verständigung überhaupt möglich ist.
Und trotzdem: Warum Hoffnung nicht naiv ist
Es ist leicht, 2026 als Jahr der Eskalationen zu beschreiben. Doch das wäre nur die halbe Wahrheit.
Denn gleichzeitig wächst das Bewusstsein, dass Frieden nicht einfach „Abwesenheit von Krieg“ ist, sondern etwas, das aktiv gestaltet werden muss – durch stabile Institutionen, soziale Gerechtigkeit, funktionierende Wirtschaft und glaubwürdige internationale Regeln.
In der Zivilgesellschaft, in Kommunen, in Bildungsprojekten und in vielen Unternehmen entsteht ein neuer Pragmatismus: Resilienz wird aufgebaut, Menschen engagieren sich, Hilfsnetzwerke professionalisieren sich. Selbst dort, wo die Weltpolitik blockiert wirkt, finden sich häufig lokale Lösungen.
Vielleicht ist das die Lehre dieser Zeit: Frieden entsteht nicht nur in Konferenzsälen, sondern im Alltag – in Entscheidungen, die nicht eskalieren, in Solidarität, die nicht ermüdet, und in einer politischen Kultur, die Konflikte austrägt, ohne Menschen zu entmenschlichen.

