
Vor zehn Tagen haben wir im RM Barometer gefragt, in welcher Stadt der Region es sich aus Sicht unserer Leserinnen und Leser am besten lebt. Frankfurt landete auf Platz eins, Mainz und Wiesbaden folgten knapp dahinter.
Mit etwas Abstand wirkt das Ergebnis heute fast interessanter als am Tag der Veröffentlichung.
Denn hängen bleibt weniger die Frage, wer gewonnen hat. Hängen bleibt vielmehr, wie eng das Feld beieinanderlag.
Frankfurt kam auf 19,7 Prozent. Mainz erreichte 15,7 Prozent, Wiesbaden 14,4 Prozent, Darmstadt 12,1 Prozent. Für eine Region mit einem so dominanten wirtschaftlichen Zentrum ist das bemerkenswert. Frankfurt führt – aber eben nicht mit großem Abstand.
Genau das sagt viel über das Rhein-Main-Gebiet aus.
Der erste Platz erzählt nur die halbe Geschichte
Frankfurt verfügt über vieles, was andere Städte in dieser Dichte nicht bieten können: Arbeitsplätze, Kultur, Gastronomie, internationale Verbindungen, ein großes Freizeitangebot. Besonders bei jüngeren Teilnehmern zeigte sich dieser Vorteil deutlich.
Trotzdem entschied sich nicht einmal jeder fünfte Teilnehmer für Frankfurt.
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis des gesamten Barometers.
Lebensqualität wird offensichtlich nicht allein daran gemessen, wie viel eine Stadt zu bieten hat. Viele Menschen bewerten ebenso stark, wie angenehm sich der Alltag anfühlt: Wie weit sind die Wege? Wie grün ist das Umfeld? Wie ruhig ist das Wohnviertel? Wie sicher fühlt man sich? Und nicht zuletzt: Kann man sich das Leben dort überhaupt noch leisten?
Mainz, Wiesbaden, Darmstadt oder Bad Homburg setzen genau an diesen Punkten andere Akzente als Frankfurt.
Nähe scheint eine größere Rolle zu spielen, als Rankings vermuten lassen
Ein weiterer Punkt ist uns im Rückblick besonders aufgefallen: Viele Teilnehmer bewerteten die eigene Stadt oder das direkte Umfeld besonders positiv.
Frankfurter entschieden sich überdurchschnittlich häufig für Frankfurt, rund um Wiesbaden lag Wiesbaden vorne, im südlichen Rhein-Main-Gebiet schnitt Darmstadt besonders stark ab.
Das mag zunächst banal erscheinen. Natürlich kennt man die eigene Stadt besser als andere.
Aber vielleicht steckt darin mehr.
Lebensqualität ist keine abstrakte Kennzahl. Sie entsteht im Alltag. Auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkauf, im Park, in der Nachbarschaft, beim Restaurantbesuch oder beim Gang zur Bahn. Wer gute Erfahrungen mit seinem direkten Umfeld macht, bewertet dieses zwangsläufig anders als eine Stadt, die vor allem aus gelegentlichen Besuchen bekannt ist.
Das bedeutet auch: Ranglisten zur Lebensqualität sollten nie so gelesen werden wie Tabellen im Sport.
Die Stärke der Region liegt möglicherweise gerade darin, keinen eindeutigen Sieger zu haben
Zehn Tage nach der Veröffentlichung würden wir deshalb noch stärker sagen: Der knappe Ausgang ist keine Schwäche des Ergebnisses, sondern seine eigentliche Aussage.
Das Rhein-Main-Gebiet besteht nicht nur aus einem Zentrum und einem austauschbaren Umland. Frankfurt, Mainz, Wiesbaden, Darmstadt und zahlreiche kleinere Städte haben sehr unterschiedliche Profile.
Wer Großstadt, Kultur und berufliche Möglichkeiten sucht, wird Frankfurt möglicherweise vorne sehen. Wer eine überschaubarere Stadt bevorzugt, landet vielleicht bei Mainz. Wer Wert auf Grün und Wohnumfeld legt, nennt Wiesbaden oder Bad Homburg. Andere schätzen Darmstadt gerade wegen seiner Mischung aus Wissenschaft, Urbanität und vergleichsweise kurzen Wegen.
In kaum einer anderen Region liegen solche unterschiedlichen Lebensmodelle so nah beieinander.
Gleichzeitig bleiben die bekannten Probleme
Auch ein positives Stimmungsbild darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Lebensqualität in der Region unter Druck steht.
Hohe Mieten, knapper Wohnraum, Staus, Baustellen und ein nicht immer zuverlässiger öffentlicher Nahverkehr beschäftigen Menschen weit über einzelne Stadtgrenzen hinaus.
Gerade deshalb wird spannend sein, wie sich die Wahrnehmung in den kommenden Jahren entwickelt.
Denn eine Stadt kann kulturell attraktiv und wirtschaftlich erfolgreich sein – wenn Wohnen immer teurer wird und der tägliche Arbeitsweg immer schwieriger, verändert das langfristig auch die Bewertung ihrer Lebensqualität.
Unser Fazit nach zehn Tagen
Frankfurt hat das erste RM Barometer zur Lebensqualität gewonnen.
Aber zehn Tage später erscheint uns der erste Platz fast zweitrangig.
Interessanter ist, dass es in der Rhein-Main-Region keinen klaren Favoriten gibt. Unterschiedliche Städte erfüllen unterschiedliche Bedürfnisse – und genau das scheint von vielen Menschen geschätzt zu werden.
Vielleicht lautet die eigentliche Antwort auf unsere damalige Frage deshalb nicht: Frankfurt.
Sondern: Es kommt darauf an, wie man leben möchte.
Und genau diese Vielfalt ist womöglich eine der größten Stärken des Rhein-Main-Gebiets.

